Mittwoch, 1. Juni 2011

Wanderung von Porto nach Santiago dC, mit Abstecher in die Serras da Peneda-Gerês (6. - 17.04.11)

Die Idee zur Portugal-Tour entstand im letzten Jahr nach der Lektüre eines Artikels über den portugiesischen Jakobsweg, der mir gefallen hatte, und der sinngemäß besagte, daß die Reise an einem Ort beginnt den man 
am liebsten gar nicht mehr verlassen möchte: Porto. - Und genau so sollte es mir auch ergehen. Ursprünglich 
war für Porto ein halber Tag eingeplant, und am Ende wurden es dann zwei volle Tage und der Abschied viel schwer.
























Der marode Charme der zerfallenden Altstadt (seit 1996 UNESCO Weltkulturerbe), die blau oder grün ge-
kachelten Häuser und Kirchen, der breite, träge dahinfließende Douro, die ihn überspannende Brücke Ponte 
Dom Luis I, die alten Portwein-Lastkäne im Hafen, eine auf mich freundlich und entspannt wirkende Bevölkerung, die 30Grad im Schatten und der fehlende Schlaf, all das und noch viel mehr erzeugten eine Anziehungskraft, der ich mich gar nicht mehr entziehen wollte.

Brücke Ponte Dom Luis I


























Der an verschiedensten Stellen erwähnte innerstädtische Parque de Campismo existiert schon lange nicht mehr! -
Dies durfte ich am frühen Abend des Anreisetages erfahren, als ich mir, nach einem langen Tag auf den Beinen und nur 2Std Schlaf aus der Nacht zuvor in den Knochen, eigentlich nur noch eine Dusche genehmigen wollte, 
um dann in Ohnmacht und ins Bett zu fallen. ;)
Nun wieder munter geworden, spähte ich schon die Grünanlagen auf ihre Nachtlager-Tauglichkeit aus, fuhr mit 
der U-Bahn nochmals nach Sao Bento herein, und ließ mich von dem freundlichen Mädel an der Tourist-Info davon überzeugen mit dem Bus nach Madalena/Gaia ans Meer rauszufahren. - Was für ein genialer Tipp! - Für 1,50EUR mit dem 906er eine Stunde lang durch Porto, die Vorstädte, durch superenge kurvige Gassen, berghoch und 
-runter, mit einem ständig hupenden Busfahrer, der so dem Gegenverkehr andeutete: Achtung, stehenbleiben, gleich kommt der fahrplanmäßige Linienbus um die Ecke geschossen! - Herrlich!

 
Und ein Hoch auf die Orbitur-Campingplätze! 5,50EUR pro Nacht für einen Mann und ein Zelt, da kann man wirklich nicht meckern. Tolles Waschhaus, WW-Duschen, alles was man erwartet, noch fast allein auf dem riesigen Campinggelände.

Capela das Almas
Gas-Kartuschen kann man in Porto bei Decathlon kaufen, ca 3km vom Flughafen entfernt (Rua Central de Mandim, Maia ).

Der E9 und GR11 sollen mit dem Caminho Português identisch sein, bzw überhaupt erst über den Caminho realisiert worden sein, sind mir auf meiner Route aber nicht begegnet.
Ich bin von Porto aus mit dem ÖPNV bis nach Póvoa de Varzim gefahren, einmal um den in Porto drangehängten Tag wieder aufzuholen (!), und zum anderen, um den von vielen als sehr trist beschriebenen Vororten Portos zu entgehen. - Der Blick aus dem Fenster des Zuges bestätigte jedenfalls die Ödnis der Vorstädte.

























Mit einer ganz brauchbaren Karte der Tourist-Info in Póvoa gings bei 30Grad die Küste entlang durch kleine Dörfchen, über wenig befahrene 3m breite Landstraßen, Feld-, Wald-, und Wiesenwege in durchweg flachem Terrain über Esposende nach Viana do Castelo. 

Von Viana aus geht’s landeinwärts Richtung Ponte de Lima und es wird zunehmend hügeliger, in einer stark vom Weinanbau geprägten Kulturlandschaft. Besonders erwähnt sei der, etwa 10km vor Ponte de Lima gelegende Lagoas Campismo: idyllisch abseits gelegen, neu, mit allem zipp und zapp zu 4,50(!) für Mann und Zelt. Hier fiel auch die Entscheidung von der direkt nach Norden gehenden Route abzuweichen und über Ponte da Barca und Arcos de Valdevez einen Abstecher in die Serras da Peneda-Gerês zu unternehmen.

Rio Lima
Gesagt, getan. Nach einem langen Tag durch die frühsommerlich in sattem Grün stehende Landschaft, vorbei an Zitronen-, und Orangenbaumhainen, an den Ufern des Rio Lima entlang, halte ich bei einbrechender Dunkelheit auf der Straße nach Soajo Ausschau nach einem geeigneten Schlafplatz und werde auch schnell fündig: 10m abseits und 10m über der Straße 
an einer kleinen Baumgruppe. Kein Idealplatz, aber die selten vorbeifahrenden Autofahrer können mich nicht sehen, dafür ich aber sie. Das Duomid wird gar nicht mehr aufgebaut, die NeoAir nicht aufgepustet, lediglich das GG Polycryo Ground Cloth und die 3mm GG Thinlight kommen zum Einsatz. Die Nächte sind klar, um 22Uhr hats immer noch über 20Grad, nur in den 
Morgenstunden fröstelts ein wenig. -


























In dieser Nacht sollte ich mich noch einige Male erschrecken, weils wiederholt ein ziemlich lautes Geräusch tierischen Ursprungs in unmittelbarer Nähe gab, daß ich aber irgendwie keinem mir bekanntem Wesen zuordnen konnte. - Ansonsten blieb ich aber unbehelligt, und weil es morgens recht frisch war, bin ich nach 2 Kaffee auch gleich wieder aufgebrochen.Nach mehr als 10km erreichte ich den Zeltplatz, den ich am Vorabend schon erwartet hatte, und das Beste: er war stillgelegt! Ein Geister-Campismo sozusagen.

 
Der 700km² große Nationalpark Peneda-Gerês, in dem in über 110 Dörfern knapp 10000 Menschen leben, umschließt die Gebirgskämme da Peneda und do Gerês, sowie die Serra do Soajo und da Amarela. Die höchsten Gipfel sind Peneda (1373 m), Nevosa (1545 m) und Altar dos Cabrões (1538 m) (Quelle: Wikipedia)


























Es gibt einen als Grande Rota angelegten 77km langen Rundkurs mittleren Schwierigkeitsgrades, die Travessia das Serras da Peneda e Soajo, die ich mir von Mezio bis kurz vor Sistelo angeguckt habe. Leider haben mich fehlende und irreführende Markierungen drei Mal vom Trail abgeworfen, was dann mit ziemlichen Zeitverlusten verbunden war, aber der Funke für diese wunderschöne Landschaft war schon übergesprungen, und ich würde gern noch einmal - mit besserem Kartenmaterial und etwas weiterem Zeitfenster - gezielt in die Serras zurückkehren. 


























Wölfe habe ich keine beobachtet, aber eine unterarmdicke, über 1m lange Schlange, die mich nachhaltig dazu inspirierte fortan das Gelände aufmerksamer in Augenschein zu nehmen. Um 4Uhr morgens der ersten Nacht in den Bergen wurde ich von ungewöhnlichen Geräuschen geweckt: Hufgetrappel auf Fels und Zähne die aufeinander mahlen – Ich hatte auf meinem Gipfel Gesellschaft von zunächst einem und wenig später noch zwei weiteren Wildpferden bekommen. Wir haben uns gegenseitig etwas verdutzt angesehen, von einem ausgedehnten Frühstück bis ins Morgengrauen ließen sie sich durch meine Anwesenheit aber keineswegs abhalten.


























Kurz erwähnt sei auch ein kleiner Dog-Fight, den ich mit 6 (!) Hunden austragen durfte (kein Wandererlatein!).
Als ich aus den Serras auf einem Feldweg wieder talwärts unterwegs war, sah ich in größerer Entfernung eine Bäuerin mit Sohn und einem Rudel Hunde auf mich zukommen. Bei ca 400m machten sich die Köter selbstständig und stürzten in meine Richtung los, da nütze alles fluchen und schreien der Bäuerin nichts. Ich konnte mir eine Minute lang angucken wie die schlechtgelaunte Meute auf mich zustürzt und mir überlegen, wie ich sie am besten empfangen will. - 


























Im Prinzip läuft aber alles im Notwehrverfahren: bei ca 50m hab ich ihnen die metallenen Spitzen meiner Poles gezeigt und auf sie ausgerichtet, bei 20m hab ich so laut ich konnte gebrüllt und böse geguckt, und als sie bei mir waren und mich umkreisten hab ich, mit einem Stock vorne und einem hinten, so lange verteidigt bis endlich die Bäuerin und ihr Sohn ankamen und die Viecher wegzogen. -


























Hat eigentlich ganz gut geklappt, ich möchte mir nicht vorstellen wie es ausgegangen wäre, wenn ich keine Stöcke dabeigehabt hätte. - Es gab dann später noch einmal eine Gelegenheit, mir zwei aufdringliche Dorfhunde vom Leib zu halten, kam aber von der Adrenalinausschüttung bei weitem nicht an den ersten Fight heran.


Der Rest der Reise ist schnell erzählt ...nach den spektakulären Aus- und Ansichten in den Serras müssen die Sinne neu justiert werden, um das Besondere im nun weitaus flacheren Gelände wahrzunehmen. [ - ]
Über Arcos de Valdevez und Ponte de Lima gings nach Valenca und dort bei einbrechender Dunkelheit über den Grenzfluß Minho in die galicische Nachbarstadt Tui mit ihrer mittelalterlichen Festungskathedrale. Übernachtung in der nur wenige Meter von der Kathedrale entfernten Klosterherberge. - Schöner Garten mit Aussicht auf den Fluß und tolle Duschen! :)


Über O Porrinho, Redondela und Pontevedra gehts auf der klassischen Jakobswegroute nach Caldas de Reis. Es geht durch Wälder, über Feldwege, durch Dörfer, Kleinstädte und historische Stadtkerne, über Brücken aus der Römerzeit und dem Mittelalter, und leider manchmal auch über die Nationalstraße N-550 (bis auf wenige km gibt es aber immer ruhigere Ausweichstrecken).


























In Caldas de Reis unbedingt die müden Füße in die Thermalquellen tauchen, direkt neben der Kirche des Hl. Thomas Becket. Empfehlenswert ist auch die Albergue direkt neben der mittelalterlichen Brücke, sehr freundliche Aufnahme. Über Valga und Padrón gings in einer letzten Etappe nach Santiago dC. 


























Außer, daß es viel zu heiß war (in den Serras tlw 35°C), hatte ich mit dem Wetter absolutes Glück. - Nicht ein Tröpfchen unterwegs zu sehen bekommen. Zwei Wochen später lagen an einem Tag in Lissabon 40cm Hagel in den Straßen und die Tageshöchsttemperaturen lagen in ganz Portugal eher bei 15-18Grad.

Zum Schluß noch ein wenig Gear-Review:

Terra Nova Carbon-Nägel 2,3g: Daumen hoch! - Obwohl ich beim ersten Zupfen eines Nagels sofort den gelben Kopf in der Hand hatte, haben sie mir gut gefallen. Man muß den Nagel natürlich seitwärts leicht anlockern, dann gibt’s beim rausziehen keine Probleme mit dem Kopf. Sind das nächste Mal wieder dabei! Mittelharte bis mittelweiche Böden.

GoLite Wildwood Trail Run LS und SS: Daumen oben! Tolle Verarbeitung, tolles Material (Polyester / Minerale™ Polyester) unschlagbares Gewicht (68g bzw 91g das LS in Gr. S) ein durchgeschwitzer Rücken ist nach kurzer Rast (10Min) schon wieder abgetrocknet. - Unglücklicherweise haben mir die Träger des Mariposa+ massenhaft Fäden im Schulterbereich der Shirts gezogen - leider nun nicht mehr länger "ausgehfein", was bei den Preisen natürlich ärgerlich ist.




Kommentare:

  1. guter und interessanter bericht mit
    schönen aufnahmen !

    und det war ja wohl genau dein ding:
    " wildes campen " ;-) !

    aggro hunde: hilft da kein pfefferspray ? keine h.-pfeife ?

    gruß !

    thb

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  2. Danke!

    Davon abgesehen, daß ich vergessen hatte Pfefferspray zu kaufen, bin ich auch nicht sicher, ob ich damit ALLE hätte beglücken können.
    Aber gut, man weiß es nicht. Sind ja Rudeltiere, und vielleicht hätte es gereicht den grössten außer Gefecht zu setzen, um damit auch alle anderen in die Flucht zu schlagen.

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  3. Wow, geniale Bilder, toll geschrieben - ich bin begeistert! Es sieht wirklich wunderschön aus, vielleicht das ich mal meiner Frau den Bericht zeigen muss und Sie mal langsam auf eine Portugal Tour vorbereiten muss =)

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  4. Vielen Dank, Hendrik!

    Hab leider nicht eines der großen Motive, die ich mir in den Serras erhofft hatte vor die Kamera bekommen - wie ich jetzt weiß, wäre ich besser von Mezio aus gegen den Uhrzeigersinn gelaufen.
    Die Google-Bildersuche wirft unter 'Peneda-Gerês' aber so einiges an Entscheidungshilfe für eine Tour aus.

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  5. Hast deine Emotionen on Trail schön wiedergegeben. Das macht auch einen guten Reisebericht aus, Danke!

    Noch ne Frage: Warum hast du auf Gas gesetzt und nicht Spiritus?

    Beste Grüße,
    Nitro

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  6. Hi Nitro, Danke!

    Eigentlich kein besonderer Grund. Ich koch total gern mit Gas, und ich liebe den Gnat! ;)

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  7. Hi,

    danke für diesen tollen Bericht.
    Wir machen uns in ein paar Monaten auf in den Peneda Geres und sammeln schon mal ein paar Infos.
    Hast du einen Tip, wie man mit Bus/Bahn am besten von Porto in den Nationalpark kommt? Oder wo man entsprechende Info herbekommt?
    Danke und liebe Grüße

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    1. Hi Sabrina, ich komm gerade nicht zum Antworten. Bitte ein paar Tage Geduld.

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